Körper und Seele.....untrennbar verbunden

Der alte Mann und sein Pferd – eine Geschichte aus dem alten China

Die folgende Geschichte trug sich zur Zeit Lao Tse ́s in China zu und Lao Tse liebte sie sehr

Ein alter Mann lebte in einem Dorf, sehr arm,
aber selbst die Könige waren neidisch auf ihn,
denn er besaß ein wunderschönes weißes
Pferd.
Die Könige boten phantastische Sum-
men für dieses Pferd, aber der Mann sagte
dann: „Dieses Pferd ist für mich kein Pferd,
sondern ein Freund. Und wie könnte man ei-
nen Freund verkaufen?“ Der Mann war arm,
aber sein Pferd verkaufte er nie.

Eines Morgens fand er sein Pferd nicht im
Stall. Das ganze Dorf versammelte sich und
die Leute sagten: „Du dummer alter Mann! Wir
haben immer gewusst, dass das Pferd eines
Tages gestohlen würde. Es wäre besser ge-
wesen, es zu verkaufen. Welch ein Unglück!“

Der alte Mann sagte: „Geht nicht so weit das
zu sagen. Sagt einfach: das Pferd ist nicht im
Stall.
Ob es ein Unglück ist oder ein Segen,
weiss ich nicht, weil dies ja nur ein Bruchstück
ist. Wer weiß, was darauf folgen wird?“

Die Leute lachten den Alten aus. Sie hatten
schon immer gewusst, dass er ein bisschen
verrückt war.

Aber nach fünfzehn Tagen kehrte eines A-bends
das Pferd plötzlich zurück. Es war nicht
gestohlen worden, sondern in die Wildnis aus-
gebrochen. Und nicht nur das, es brachte auch
noch ein Duzend wilder Pferde mit.

Wieder versammelten sich die Leute und sie sagten:
„Alter Mann, Du hattest recht. Es war kein
Unglück, es hat sich tatsächlich als ein Segen
erwiesen.“

Der Alte entgegnete: „Wieder geht Ihr zu weit.
Sagt einfach: „Das Pferd ist zurück ... wer
weiss, ob das ein Segen ist oder nicht. Es ist
nur ein Bruchstück. Ihr lest nur ein einziges
Wort in einem Satz – wie könnt ihr das ganze
Buch beurteilen?“

Dieses Mal wussten die Leute nicht viel einzu-
wenden, aber innerlich dachten sie, dass der
Alte unrecht hatte. Zwölf herrliche Pferde wa-
ren gekommen ...

Der alte Mann hatte einen einzigen Sohn, der
begann, die Wildpferde zu trainieren. Schon
eine Woche später fiel er vom Pferd und brach
sich die Beine.

Wieder versammelten sich die
Leute, und wieder urteilten sie. Sie sagten:
„Wieder hattest Du recht! Es war ein Unglück.
Dein einziger Sohn kann nun seine Beine nicht
mehr gebrauchen und er war die einzige Stüt-
ze deines Alters. Jetzt bist Du ärmer als zu-
vor.“
Der Alte antwortete: „Ihr seid besessen von
Urteilen. Geht nicht soweit. Sagt nur, dass
mein Sohn sich die Beine gebrochen hat. nie-
mand weiss, ob dies ein Unglück oder ein Se-
gen ist. Das Leben kommt in Fragmenten und
mehr bekommt Ihr nie zu sehen.“

Es begab sich, dass das Land nach ein Paar
Wochen einen Krieg begann. Alle jungen Män-
ner des Ortes wurden zwangsweise zum Mili-
tär eingezogen. Nur der Sohn des alten Man-
nes blieb zurück weil er verkrüppelt war.

Der ganze Ort war von Klagen und Wehge-
schrei erfüllt, weil dieser Krieg nicht zu gewin-
nen war und man wusste, dass die meisten der
jungen Männer nicht nach Hause zurückkeh-
ren würden.
Sie kamen zu dem alten Mann
und sagten: „Du hattest recht, alter Mann – es
hat sich als Segen erwiesen. Dein Sohn ist
zwar verkrüppelt, aber immerhin ist er noch bei
Dir. Unsere Söhne sind für immer fort.“

Der alte Mann antwortete wieder: „Ihr hört nicht
auf zu urteilen. Niemand weiß! Sagt nur dies:
dass man Eure Söhne in die Armee eingezo-
gen hat und dass mein Sohn nicht eingezogen
wurde.

Doch nur Gott, nur das Ganze weiss,
ob dies ein Segen oder ein Unglück ist.“